Gewaltfreier Islamismus

Die meisten und größten islamistischen Organisationen sind dem gewaltfreien Islamismus zuzuordnen. Sie versuchen, durch friedliches und langfristiges Vorgehen eine islamische Gesellschaft nach ihren Vorstellungen zu schaffen. Dabei setzen sie auf Methoden wie indoktrinierende Kindererziehung, Kaderbildung, Da’wa (arab. „Einladung [zum Islam]“), politische Arbeit und die schleichende Unterwanderung demokratischer Strukturen.

Dass die Organisationen keine Gewalt ausüben oder direkt befürworten, heißt nicht, dass sie ungefährlich sind. Ihr Gewaltverzicht kann auch rein taktisch motiviert sein. Ihre Weltsicht bleibt weiterhin extremistisch. Durch ihr Handeln besteht auf Dauer die Gefahr einer Erosion der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Innerhalb des gewaltfreien Islamismus lassen sich grob zwei Richtungen unterscheiden: legalistische Organisationen und politisch-missionarischer Salafismus.

Legalistischer Islamismus

Legalistische Organisationen verfolgen ihre Ziele mit langfristigen und legalen Mitteln, indem sie Vereine, Bildungseinrichtungen und Verbände gründen, hohe Mitgliederzahlen generieren, Medienarbeit betreiben und auf politische Willensbildungsprozesse Einfluss nehmen.

Dabei werden in gesellschaftspolitischen Debatten nach außen hin oft gemäßigtere und offenere Positionen vertreten als organisationsintern. Die legalen Möglichkeiten einer liberalen Demokratie werden genutzt, um diese langfristig abzuschaffen.

Politisch-missionarischer Salafismus

Beim Salafismus handelt es sich um eine Strömung des Islamismus, die in Deutschland in den letzten Jahren stark an Anhängern und Bedeutung innerhalb der Szene gewonnen hat. Salafisten folgen theologisch einer besonders strengen Auslegung des sunnitischen Islam mit saudi-arabischer Prägung, dem sog. Wahhabismus. 

Sie vertreten einen praxisorientierten Islam, der versucht, sich so wortgetreu wie möglich an Koran, Prophetenüberlieferungen sowie den überlieferten Glaubenslehren und Verhaltensweisen der sog. frommen Altvorderen (arab. as-Salaf as-Salih) zu orientieren.

Von den Verfassungsschutzbehörden werden politisch-missionarische und jihadistische Salafisten beobachtet, da sie darauf abzielen, eine Gesellschaft nach dem Vorbild des Frühislam zu schaffen, die allein dem salafistischen Scharia-Verständnis folgt und mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung unvereinbar ist.

Politisch-missionarische Salafisten lehnen im Gegensatz zu Jihadisten Gewalt als Mittel der Machterlangung ab. Stattdessen zielen sie darauf ab, durch missionarische Aktivitäten und das Schaffen einer Gegenkultur langfristig eine islamische Gesellschafts- und Staatsordnung nach ihren Vorstellungen zu errichten.

Auch wenn der politisch-missionarische Salafismus in der Regel friedlich vorgeht, bieten dessen Freund-Feind-Denken und die aggressive Ablehnung nichtislamischer Werte und Gesellschaftsformen dennoch einen Nährboden für Radikalisierungsprozesse, an deren Ende die Bereitschaft zum Jihad stehen kann.

Darum wurde am 15. November 2016 die Vereinigung „Die Wahre Religion“ (DWR) alias „LIES! Stiftung“/„Stiftung LIES“ einschließlich ihrer Teilorganisationen verboten. DWR vertrat eine salafistische Glaubenslehre, die sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung und den Gedanken der Völkerverständigung richtete, und stellte für die jihadistische Szene eine wichtige Rekrutierungsmöglichkeit dar.